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Aus
der Heimatgeschichte Richen´s,
eine Kurz-Chronik

„Fluvio ricchina“ (Königin der
Bäche) nannten die Franken in einer Urkunde König Pippins vom Jahr 766 den Bach,
von dem das Dorf vermutlich seinen Namen erhalten hat.
Der Ort R I C H E N findet um
die Mitte des 13. Jh. – 1266 - seine erste Erwähnung (1353 Ryechen, 1495
Riechen). Besitzer und Zugehörigkeit: um 1300 Kloster Fulda, 1390 Kurpfalz, 1576
Kurpfalz und Hessen, 1803 Hessen. Im Juli 1966 wurden die Jubiläen „1200 Jahre
„fluvio ricchina“ u. 700 Jahre Richen“ mit einem großen Fest begangen.
Dass sich bereits Römer im Richer
Gemarkungsraum angesiedelt hatten, steht heute absolut fest. Das belegen Funde
aus dem Raum des Ziegelwaldes und ebenso die Reste eines Gutshofes am Nordrand
des Dorfes.
Die Dorfanlage bezeichnete man
als ein geschlossenes Haufendorf. Es handelt sich dabei um den typisch
fränkischen Baustil. Vierseitengehöfte, die meist mit einem hohen Tor
abschlossen. Die enge Bauweise diente ausschließlich zum Schutze der Bewohner
vor räuberischen Überfällen. Die enge Reihung der Scheunen nach außen und das
umliegende Sumpfgebiet dienten zur Umwehrung. Nach dem 3o-jährigen Krieg und den
Pestjahren um 1635 soll der Ort Richen so gut wie ausgestorben und zerstört
gewesen sein; es gab nach Aufzeichnungen noch 4 Familien. Die damalige
Verwaltung warb mit dem fruchtbaren Ackerland um Neuansiedlungen. Hauptsächlich
aus Österreich und der Schweiz wagten hier Menschen einen Neubeginn. Es ist
daher anzunehmen, dass alteingesessene Richer Familien von dort ihre Vorfahren
haben.
Der Richer Bach dürfte für die
Ansiedlung sicherlich ein wesentliches Kriterium gewesen sein, denn Wasser
bedeutete Leben und die Möglichkeit, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben.
Mit der Wasserkraft des Baches
wurden auch in der Gemarkung zwei Getreidemühlen betrieben - die so genannte
„Richer Mühle“ der Fam. Brenner und die „Lützelforstmühle“ der Fam.
Dieter. Beide Mühlen waren, bzw. sind seit mehrere Generationen in Familienbesitz
und vor Jahrzehnten stillgelegt
worden. Die eigentliche Getreidemühle der Fam. Dieter
existiert nicht mehr. Das Mahlwerk, Mahlsteine und Gerätschaften der
Brenner-Mühle noch vorhanden sind.
Richen gehörte mehrere
Jahrhunderte als Filialort zu Groß-Umstadt. Zur Gemarkung gehörten fruchtbares
Ackerland, der saftige Wiesengrund (sog. Rödergrund) und etwa 4o ha Wald, der
aber nicht innerhalb der Gemarkung lag, sondern östlich von Klein-Umstadt und
Raibach. Er zog sich nahe an die bayrische Grenze. Eine Fuhre Holz mit Kuh-
oder Pferdefuhrwerk einzufahren, bedeutete ein Tagwerk und war nicht
ungefährlich.
Richen konnte man auch als
Weinort bezeichnen. Obwohl die Weinberge zur Gemarkung Klein-Umstadt gehörten,
betrieben doch viele Richer Familien über Jahrhunderte dort Weinbau.
Durch die eng aneinander gebaute
Ansiedlung des Dorfes gab es fast keine oder nur ganz kleine Gärten an den
Häusern. Gärten waren aber lebensnotwendig. Sie verteilten sich auf die nähere
Umgebung. Eine große Anzahl lag an der Straße zu Altheim – „Dornengärten“ oder
„Dörre Gärten“ genannt (heute noch vorhanden). Die Gartenflächen sollen früher
mit einer Dornenhecke umgeben gewesen sein – daher wohl der Name - im Volksmund
heute noch die „ Daonnegährde“ genannt.
An den Bruchwiesen wurde Torf
gestochen, der in Richen und anderen Dörfern zur Feuerung diente.
1928 wurde eine erste
Feldbereinigung durchgeführt. Felder wurden zusammen- und Wege angelegt. Dies
ermöglichte den Bauern, ihre Felder mit dem Fuhrwerk zu erreichen.
Jede Feldanlage hatte ihre
besondere Bezeichnung. Die sog. Flur-, Gewann- oder Parzellennamen gaben z.T..
Auskunft über den ursprünglichen Gebrauch oder die typische Charakteristika.
Man ging oder fuhr z.B.:
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ins „Nàfäld“ |
ins „Baohnloch“ |
in de „Bruch“ |
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aon de „Russestao“ |
ins „Sailoch“ |
in die „Houchzet“ |
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in die „Ebbelallee“ |
uff die „Houhl“ |
ins „Wingelfäld“ |
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ins „Aajenn“ |
aon de „Dreispitz“ |
aon de „Almosebaom“ |
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ins „Springel“ |
in die „Daonne“ |
uff die „Molbertsheife“ |
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aon de „Kläschderer Paod“ |
aon de „Schinneplatz“ |
aon die „Spitze“ |
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aon de „Hartagger“ |
in die „Soonägger“ |
in die „Nohseife“ |
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aon de „Reiderschwääsch“ |
ins „Houffeld“ |
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Manches Feld war mit dem
Kuhfuhrwerk eine halbe Tagesreise entfernt....
Der ursprüngliche alte Ortskern
mit seiner Ansiedlung liegt an den zwei parallel verlaufenden Straßen, der
heutigen Haupt- und Dorfstraße mit der Schmiedestraße als Verbindung.
Dazugehörig der Kirchwinkel,
Linden-, Birken- und Tannenweg sowie Teile des „Stiels“.
Die dorfhistorische Ortsmitte
bilden die Evang. Kirche, das ehem. Rathaus und die ehem. Volksschule, in der
heute der städtische Kindergarten unterbracht ist.
Nur der früheren Handwerkskunst,
den guten Rohstoffen und Naturmaterialien, die Arbeiter vor hunderten von Jahren
verbaut haben, z.B. Bruch-, Sand- oder Ziegelsteinen, Eichenholz, Lehm und
Weide, ist es zu verdanken, dass die Häuser Jahrhunderte überstanden.
Neben Bauern gab es in Richen
folgende selbständige Handwerksbetriebe, Geschäfte und Dienstleistungen:
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Bäcker |
Gastwirte |
Metzger |
| Müller |
Schuster |
Schmied |
| Wagner |
Krämer |
Schreiner |
| Schlosser |
Weißbinder |
Küfer |
| Schäfer |
Hebamme |
Friseur |
| Leineweber |
Schneider/innen |
Maurer |
| Barbier |
Händler / Hausierer |
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| Haushaltswarengeschäft |
Backhaus / Badhaus |
Milchannahme- u. Verkaufsstelle |
| Sägewerk |
Dreschmaschinen-Stelle |
Lebensmittelgeschäft |
| Fahrschule |
Poststelle |
Lastenwaage |
| Viehwaage |
Faselstall |
Kohle- u. Baustoffhandel |
| Gemeinschaftsgefrieranlage |
Bankfilialen |
Gemeindewaschküche |
| Kinderbetreuung: Frau Schreck,
"Tante Emmi" |
„Bahnhof“ (Zu- u.
Aussteigemöglichkeit zur Bahnlinie Hanau/Eberbach) |
Bezugs- u. Absatzgenossenschaft |
Handwerksbetriebe, Handel,
Geschäfte und Dienstleistungen wurden meist in Verbindung mit
Landwirtschaft betrieben.
Zur Zeit des Großherzogtums
Hessen um 1829 hatte Richen 79 Häuser und 5o7 Einwohner.
Davon waren 33 Bauern-, 3o
Handwerker- und 2o Tagelöhnerfamilien.
Heute umfasst der alte Ortskern 9o
Häuser.
Zu einer funktionierenden,
selbständigen Gemeinde gehörten früher neben Bürgermeister und Gemeinderäten:
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Gemeinderechner/in |
Obstbaumwart |
Polizeidiener |
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Hebamme |
Gänse- und Schweinehirt/in |
Totengräber |
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Feldschütz |
Organist/in |
Faselwärter |
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Wasenmeister |
Lehrer/in |
Eichmeister |
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Nachtwächter |
Pfarrer |
Kirchendiener/in |
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Schafhirt |
Ortsgericht |
Standesbeamte |
19o8, unter Bürgermeister Georg
Eidmann V., bekam Richen Wasserleitung. Bis dahin musste sich die Bevölkerung
ausschließlich aus öffentlichen oder privaten Brunnen versorgen. 1914 gab es
elektrisches Licht.
Richen war über Jahrhunderte eine
rein evangelische Gemeinde. Die große katholische Gemeinde entstand nach dem 2.
Weltkrieg, wo viele Vertriebene und Flüchtlinge hier ihre zweite Heimat gefunden
haben. Von evtl. hier ansässigen jüdischen Familien ist nichts bekannt.
Alte, z.T. noch heute
existierende Richer Familiennamen sind: Arnold, Brenner, Eidmann,
Heberer, Heyl, Hirschel, Knobeloch, Müller, Ohl, Steiner, Storck, Voltz. Diese hatten auch
sog. Hausnamen. Über Generationen vererbt, kündeten sie von früheren Vornamen,
Wohnplätzen, Besonderheiten, Berufen oder Tätigkeiten.
Beispiele:
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„Milschhannese“ |
„Bojemoastersch“ |
„Schmidts“ |
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„Eckbauersch“ |
„Schmidtsmarrie“ |
„Knelleschustersch“ |
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„Stoinerschustersch“ |
„Schitzepäirärsch“ |
„Maasersch“ |
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„Lottebeckersch“ |
„Meierheefersch“ |
„Steffels“ |
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„Schneidermannsgräit“ |
„Knuwwelischschustersch“ |
„Schneirersch“ |
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„Bäckersch“ |
„Schoofschorsche“ |
„Miehlhäwwerersch“ |
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„Brennhannickels“ |
„Hannigelohle“ |
„Franzkarls“ |
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„Haahleluis“ |
„Wäschegässersch“ |
„Dirrhannese“ |
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„Scheefjäirs“ |
„Miehlorzde“ |
„Bollezeidienersch“ |
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„Weißbinnerschwolfe“ |
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Diese Hausnamen und die „Richer
Mundart“ verschwinden immer mehr.
Richen hatte das Glück, von
Kriegszerstörungen im 2. Weltkrieg im wesentlichen verschont zu bleiben. Doch
auch hier setzte die Entwicklung der Nachkriegsjahre neue Maßstäbe.
Auch in Richen wurde dem
Fortschritt das Tor geöffnet, und an die Stelle des alten Dorfes von einst ist
ein modernes Gemeinwesen getreten.
Hier seien genannt die
Kanalisation, die Einrichtung eines Kindergartens, die Übernahme und Renovierung
des Saalbaus, der Bau des Feuerwehrhauses und der Friedhofshalle, die
Einrichtung des Ehrenmals, die Erschließung eines neuen Sportgeländes und
v. a. mehr; dies unter den beiden letzten
Richer Bürgermeistern Adam Storck II. und Walter Trautmann.
Das Dorf hat sich nach allen
Himmelsrichtungen baulich erweitert. Seit 1977 ist Richen ein Stadtteil von
Groß-Umstadt. Dennoch hat es weitgehend seinen dörflichen Charakter erhalten,
und es leben einige alte Traditionen weiter fort. Somit sind Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft unlösbar miteinander verbunden.
Hedi Heß, August 2oo4

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